Wo ist Hauri?

Hauri wächst i in einem Dorf Richtung Berner Oberland auf.
Er macht die Lehre als Schreiner und bleibt. Er heiratet seine Kindergartenliebe. Der Schwiegervater finanziert ein Haus im Dorf mit. Sie bekommen drei Kinder.

Die Schreinerei reicht knapp.
Seine Frau arbeitet im Dorfladen mit.
Man kennt sich. Man grüsst sich.

Die Kinder werden gross und gehen weg. In die Stadt, wo es Möglichkeiten gibt.
Hauri und seine Frau freuen sich auf die Feiertage.

Dann zahlen drei Kunden ihre Rechnungen gleichzeitig nicht.
Es sind drei grössere Aufträge mit viel Material.
Das Geld kommt nicht.

Hauri sagt nichts.
Er geht öfter in die Beiz.
Man sieht ihn.
Er tut beschäftigt.

Material kann er nicht mehr einkaufen.
Die Schulden wachsen.

Hauri wird depressiv. Er weiss keinen Ausweg mehr.

Er schreibt seiner Frau einen Brief:

Ich habe versagt.
Du bist besser dran ohne mich.
Verkaufe das Haus, bezahle die Schulden.
Schau, dass es dir gut geht.
Entschuldigung.

Seine Frau liest den Brief.

Noch bevor jemand merkt, dass Hauri verschwunden ist, erzählt sie:
«Er ist zu seinem Cousin nach Kanada gereist.
Das ist schon immer sein Traum gewesen.»

Man nickt.
Man freut sich für ihn.

Kurz darauf gibt sie im Dorfladen Bescheid:
«Ich muss dringend zu meiner Schwester ins Welschland.
Sie braucht Pflege.
Ich übernehme eine Zeit lang.
Hauri ist ja ohnehin nicht da.»

Man versteht das.

Sie kontaktiert die Bank.
Sie verkauft das Haus.
Sie löst die Schreinerei auf.
Eine Räumung wird ordnungsgemäss angeordnet.

Sie geht vorher ohne Abschied.

Eines der Kinder stolpert zufällig über das Inserat.
Ein Einfamilienhaus im Dorf zu verkaufen –
mit der gleichen Fassade wie das Elternhaus.

Das Kind fragt bei der Mutter nach.
Die Geschichte mit Kanada hält nicht stand.
Auch die Pflegegeschichte nicht.

Die Kinder erfahren, dass das Haus weg ist,
dass es keine Rückkehr gibt.
Und dass niemand weiss, wo ihr Vater ist.

Der Kontakt zur Mutter bricht ab.

Im Dorf nimmt man an,
dass Hauri und seine Frau neu angefangen haben.

Hauri taucht in Zürich auf, am Hauptbahnhof.
Er hat mitgenommen, was nötig ist: gute Schuhe, Schlafsack, Thermoskanne, Gaskocher, Taschenmesser.

Hier kennt ihn niemand.

Er lernt, wo es Kaffee gibt.
Wo man essen kann.
Wo man schlafen darf, wenn man rechtzeitig ist.

Die anderen erklären ihm alles.
Sie helfen einander.

Manchmal schläft er draussen, manchmal drinnen.
Er trinkt mehr.
Er spricht wenig.
Er hat kein Handy.

Niemand sucht nach ihm.

Der Winter kommt.

An einem Nachmittag feiern sie den Geburtstag eines Kumpels.
Sie trinken viel Schnaps.
Hauri schläft auf einer Bank ein.

Er verpasst die Anmeldung für die Notschlafstelle.

Als er aufwacht, ist sein Rucksack weg.

Am übernächsten Tag steht in der Zeitung:
Vier Obdachlose in Zürich in bitterkalter Nacht erfroren.

Die Meldung steht zwischen Wetterbericht und Börsenkursen.

Im Dorf läuft alles wie gewohnt weiter. Eine neue Familie ist dazu gezogen.

Texte © Madeleine von Fischer

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