Andrea hat Zahnschmerzen.
Andrea ist 45 Jahre alt.
Sie lebt allein in den Blockwohnungen am Rand des Dorfs.
Die Wohnung ist nicht schön, aber sie ist bezahlbar.
Andrea arbeitet in der Dorfbeiz.
Sie arbeitet im Service und wird im Stundenlohn bezahlt.
Seit Corona kann sich das Wirtenpaar keine Festanstellungen mehr leisten.
Andrea kennt das Wirtenpaar seit Jahren, und man ist sich vertraut.
Andrea gilt als zuverlässige, treue Seele.
Wenn jemand fehlt, springt sie ein.
Wenn es stressig wird, bleibt sie länger.
Sie arbeitet auch bis spät abends und an den Wochenenden.
Die Einsätze sind unregelmässig.
Andrea hat keine Hobbys mehr.
Kurse lassen sich nicht planen.
Vereine verlangen Verbindlichkeit.
Andrea ist selten frei, wenn andere Zeit haben.
Ausgang oder Ausflüge kann sie sich eh fast nicht leisten.
Andrea denkt manchmal, dass vieles einfacher wäre, wenn sie einen Partner hätte.
Nicht leicht, aber machbar mit zwei Einkommen.
Oder wenigstens mit jemandem, der da ist.
Tinu war einmal so jemand.
Andrea hat sich von ihm getrennt.
Er war fies zu ihr.
Er hat sie mehrfach betrogen.
Wieder zu vertrauen fällt ihr schwer.
Seit Wochen hat Andrea Zahnschmerzen.
Zuerst spürt sie sie beim Kauen.
Jetzt sind sie immer da.
Andrea nimmt viele Schmerzmittel und gurgelt Salbei.
Sie arbeitet weiter in der Dorfbeiz.
Sie vergisst einen Kaffee.
Der Gast wartet.
Andrea merkt es zu spät.
Ein anderer Gast macht einen Witz.
Andrea reagiert nicht.
Sie hört ihn, aber sie lacht nicht.
Ein Tablett rutscht ihr aus der Hand.
Die Gläser fallen zu Boden.
Andrea entschuldigt sich.
Sie ist langsamer als sonst.
Das Auffüllen der Getränke dauert zu lange.
Die Wirtin beobachtet sie.
Sie sagt zuerst nichts.
Andrea arbeitet weiter.
Vieles geht schief.
Ihre Hand zittert, wenn sie Gläser abstellt.
Die Wirtin ruft Andrea zu sich und fragt: „Was ist los mit dir?“
Andrea antwortet: „Ich habe Zahnschmerzen.“
Die Wirtin seufzt und sagt: „Dann geh doch zum Zahnarzt.“
Andrea nickt.
Ein paar Tage später bittet die Wirtin Andrea in die Küche.
Sie fragt: «Hast du dich beim Zahnarzt angemeldet?»
Und sagt dann: „Es tut mir leid. Ich brauche belastbares Personal. Du weisst ja, wie hart die Gastronomie heute ist.“
Andrea versteht das.
Am 28. des Monats wird ihr gekündigt.
Die Kündigung ist formell korrekt.
Die Kündigungsfrist von einem Monat läuft weiter.
Die Schichten nicht.
In der Waschküche riecht es nach Waschmittel.
Die Maschinen laufen.
Die Nachbarin kommt herein.
Sie ist eine ältere Frau und pensioniert.
Die Nachbarin fragt: „Gehst du eigentlich nicht mehr arbeiten?“
Andrea bleibt stehen.
Die Wäsche rutscht ihr aus den Händen.
Dann bricht sie in Tränen aus.
Die Nachbarin wartet und bleibt stehen.
Dann sagt sie ruhig: „Du musst dich sofort beim RAV melden, Andrea. Das weisst du.“
Andrea nickt.
Wieder in der Wohnung ruft Andrea beim RAV an.
Die Stimme am Telefon klingt freundlich.
Die Frau sagt: „Füllen Sie bitte das Onlineformular aus.“
Andrea legt auf.
Der Bildschirm leuchtet.
Die Wörter verschwimmen.
Andrea tippt langsam.
Ein paar Tage später kommt ein Brief.
Es ist eine Einladung zum Erstgespräch.
Das Büro ist hell.
Andrea setzt sich auf einen Stuhl.
Gegenüber sitzt eine junge Frau.
Sie wirkt freundlich.
Die junge Frau erklärt die Regeln.
Sie sagt: „Sie müssen ab sofort nachweisbar Bewerbungen schreiben. Eigentlich ab dem Tag der Kündigung.“
Dann sagt sie: „Sonst gibt es Sperrtage.“ Geld gibt es erst nach Ablauf der Kündigungsfrist.»
Sie sagt weiter: „Sie müssen sich auf der Plattform einloggen, dort alle Dokumente hochladen, eine Arbeitslosenkasse wählen und sich dort anmelden.“
Sie fügt hinzu: „Die Bewerbungen müssen regelmässig erfolgen und im Tool eingetragen werden.“
Dann sagt sie: „Es müssen mindestens acht Bewerbungen pro Monat sein, und Sie müssen jeden Monat Angaben zur versicherten Person machen wegen Zwischenverdiensten.“
Alles ist korrekt.
Alles ist machbar.
Andrea nickt.
Sie hat nicht viel verstanden.
Der Zahn pocht.
Das Medikament verliert an Wirkung.
Am Ende geben sie sich die Hand.
Der Heimweg ist lang.
Andrea fährt zuerst mit dem Bus, steigt um, fährt mit dem Zug und steigt danach noch einmal um.
Der Weg dauert eine Stunde und vierzig Minuten.
Die Gedanken kommen, immer wieder dieselben.
„Wie überlebe ich diesen Monat? Wie bezahle ich die Miete und die Krankenkasse?“
Andrea denkt unfreiwillig an Tinu.
Sie denkt: „Hätte ich ihn nicht rausgeschmissen, könnte ich mit den siebzig Prozent vom Lohn knapp überleben. Ich könnte diesen Monat irgendwie überbrücken und ihm das Geld später in Raten zurückzahlen.“
Ein paar Tage später klopft es an der Tür.
Die Nachbarin steht davor.
Die Nachbarin fragt: „Warst du dort?“
Andrea nickt.
Sie sieht schlecht aus.
Die Nachbarin schaut sie an und sagt: „Andrea, du musst zum Zahnarzt.“
Andrea schreit: „Wie soll ich den auch noch bezahlen!“
Ihre Nerven sind durch.
Die Nachbarin bleibt ruhig und antwortet: „Dann bleibt nur noch das Sozialamt, Schätzchen. Du musst schleunigst da hin.“
Andrea denkt an ihre Eltern.
Beide haben hart gearbeitet.
Sie waren stolze Leute der Arbeiterklasse.
Sie haben es immer geschafft.
Sie sind beide früh gegangen.
Andrea beginnt, Papiere zu sammeln.
Sie sucht im Schlafzimmer, im Wohnzimmer und im Flur.
Drei Orte werden zu einem Ort.
Alle Unterlagen liegen jetzt ungeordnet auf dem Küchentisch.
Sie gehören zum RAV, Arbeitslosenkasse und zum Sozialalmt.
Die Nachbarin sitzt neben Andea am Küchentisch.
Sie liest mit und zeigt mit dem Finger, sortiert.
Sie erinnert Andrea an Termine.
Andrea versucht, sich zu konzentrieren.
Es gelingt ihr nicht.
Der Schmerz ist zu gross.
Andrea geht ins Bett.
Schlafen kann sie nicht.
Auf dem Sozialamt erklärt eine ältere Dame, was jetzt möglich ist und welche Papiere noch fehlen.
Beim Zahnarzt liegt Andrea reglos auf dem Stuhl.
Vier Zähne werden ihr sofort gezogen.
Es ist eine Notlösung.
Zu Hause steht Andrea vor dem Spiegel.
Sie öffnet den Mund.
Die Lücken sind sichtbar, sehr sichtbar.
Ein geeignetes Bewerbungsfoto hat sie nicht.
Andrea nimmt das Handy in die Hand.
Sie ruft Tinu an.
Text © Madeleine von Fischer